Fallkonferenz Integrative Medizin - Modell für die Zukunft

Das Dialogforum erprobt Kooperation von Schul- und Komlementärmedizin

Integrative Fallkonferenzen

Das Dialogforum Pluralismus in der Medizin fördert durch regelmäßige Fallkonferenzen mit konventionellen und komplementären Ärzten den Dialog zwischen konventionellen und komplementären Therapierichtungen in der Medizin.

Die Fallkonferenzen sollen zum Dialog verschiedener medizinischer Therapierichtungen beitragen. Als Ausgangspunkt wird der Zugang über den medizinischen Einzelfall gewählt. Langfristig wird im Sinne der Integrativen Medizin ein verbessertes innerprofessionelles Verständnis und die Integration seriöser komplementärer Therapierichtungen angestrebt. Angesprochen sind Ärztinnen und Ärzte aller Therapierichtungen mit Bereitschaft zum kritischen Dialog. Dabei richtet sich die Veranstaltung explizit sowohl an akademisch tätige als auch praktizierende Ärzte.

Sollten Sie planen, eine eigene Integrative Fallkonferenz durchzuführen, sind wir gerne bereit, Sie durch weitergehende Informationen zu unterstützen.

Publikationen in der Dtsch Med Wochenschr 2009; 134:207-208:
Das Dialogforum dankt dem Verlag der Deutschen Medizinischen Wochenschrift für die Genehmigung des Nachdrucks!

Brinkhaus B, Teut M, Girke M, Matthiessen PF, Michalsen A, Heimpel H, Willich SN:

Fallkonferenz Integrative Medizin - Modell für die Zukunft - Das Dialogforum Pluralismus erprobt Kooperation von Schul- und Komplementärmedizin anhand von Patientenbeispielen.
Das Verhältnis von Schulmedizin und Komplementärmedizin ist häufig von Misstrauen, Ablehnung und einem erheblichen Defizit an Dialogbereitschaft und Zusammenarbeit zwischen den Vertretern beider Richtungen geprägt. Dabei werden naturheilkundliche und komplementärmedizinische Therapieverfahren in Deutschland häufig in Anspruch genommen [2]. In einer 2004 publizierten repräsentativen Umfrage bei 1100 Erwachsenen gaben 62,3% die Anwendung mindestens einer komplementärmedizinischen Richtung in den vorangegangenen 12 Monaten an [2]. Die große Nachfrage nach Komplementärmedizin spiegelt sich auch in den Zahlen der ärztlichen Weiterbildung wider. Im Jahr 2000 führten 12626 Ärzte die Zusatzbezeichnung „Chirotherapie“, 10476 „Naturheilverfahren“, und 5538 „Homöopathie“ [5]. Bei der Akupunktur, für die es seit wenigen Jahren eine Zusatzbezeichnung gibt, gehen Schätzungen von bis zu 40000 ärztlichen Anwendern aus [5].

Für eine Annährung zwischen Ärzten von Schulmedizin und Komplementärmedizin ist es hilfreich, wenn sich der Diskurs auf der Basis von konkreten Patientenkasuistiken entwickelt. Dies zeigte die Veranstaltung „Fallkonferenz Integrative Medizin“ des Dialogforums Pluralismus in der Medizin, die am 5.12.2006 im Haus der Ärzteschaft in Düsseldorf stattfand.

Fallkonferenz Integrative Medizin
Das im Jahr 2000 gegründete Dialogforum Pluralismus in der Medizin verfolgt das Ziel, einen strukturierten Dialog zwischen Vertretern unterschiedlicher Therapierichtungen zu initiieren und zu einer patientengerechten und wirkungsvollen Integrativen Medizin beizutragen [9]. In mehreren Symposien wurden zunächst grundlegende Fragen des ärztlichen Denkens und Handelns einschließlich „Medizin und Menschenbild“, „Pluralismus in der Medizin – Pluralismus der Therapieevaluation“ und „Zukunft der Individualmedizin“ diskutiert [1,3,4,6]. Mit der „Fallkonferenz Integrative Medizin“ widmete sich das Dialogforum erstmals konkreten Patientensituationen. Ziel dieser Veranstaltung war es, im gemeinsamen Austausch an konkreten Patientenbeispielen gegenseitige Schnittflächen zu eruieren sowie Möglichkeiten und Grenzen einer integrativen Zusammenarbeit zu diskutieren. Die Veranstalter wählten bewusst den Begriff „Fallkonferenz“, da analog der klinischen Konferenzen in Kliniken möglichst detailliert und konkret über die als Kasuistik vorgestellte Patienten diskutiert werden sollte.

Im Rahmen der Veranstaltung diskutierten renommierte Experten der Schulmedizin mit Ärzten aus mehreren komplementären Therapierichtungen, darunter Naturheilkunde, Chinesische Medizin, Homöopathie und Anthroposophische Medizin. Die Ärzte präsentierten mögliche integrative Diagnose- und Therapiestrategien anhand zweier Patientenkasuistiken: chronische Schmerzen bei Fibromyalgie und Colon irritabile.

Zunächst kamen die Definitionen verschiedener komplementärmedizinischer Therapieverfahren und deren Abgrenzungen von der sogenannten Schulmedizin zur Sprache. Gegenstand der Diskussion war insbesondere auch die Unschärfe von Definitionen zu komplementärmedizinischen Therapieverfahren und die bestehende Unklarheit
bei einigen Therapieverfahren bezüglich der Zuordnung zur Komplementärmedizin oder Schulmedizin. Die Begriffsverwirrung erschwert im Umgang mit der Terminologie einiger komplementärmedizinischer Therapieverfahren (z.B. der Chinesischen Medizin) die konstruktive Kommunikation.

Ausgehend von den beiden Patientenvorstellungen erörterten die Experten Fragen der Ätiopathogenese von Erkrankungen. Vertreter verschiedener medizinischer Richtungen waren sich einig, dass chronische Krankheiten zumeist multifaktoriell bedingt sind. Sowohl Vertreter der Schulmedizin und der Psychosomatischen Medizin als auch Vertreter der Anthroposophischen Medizin, Chinesischen Medizin und der Homöopathie wiesen darauf hin, dass Krankheit im Kontext der dem Patienten eigenen Biografie verstanden werden sollte. Deutlich wurde aber auch, dass den verschiedenen Therapierichtungen unterschiedliche Erklärungsansätze zur Entstehung von Krankheiten zugrunde liegen. In diesem Zusammenhang erschien der Hinweis wichtig, dass Ärzte – je nach Ausbildung und Erfahrung – aus verschiedenen Perspektiven auf ein und denselben Patienten blicken. Teilnehmer der Veranstaltung forderten, dass Ärzte für das grundsätzliche Verständnis ihrer Patienten bewusst die Vielfalt der Perspektiven erlernen sollten. Vorteilhaft wäre es, wenn bereits im Rahmen der studentischen Ausbildung auf diese Vielfalt der Perspektiven aufmerksam gemacht und die Komplexität von Krankheiten erlernt werden könnte [8]. Der Perspektivwechsel des Arztes wird in diesem Sinne als Bereicherung verstanden und kann zu einer Individualisierung der Medizin beitragen, die nicht notwendigerweise der evidenzbasierten Medizin widerspricht, sondern diese ergänzt [6].

Einigkeit herrschte hinsichtlich der Bedeutung einer ausführlichen biographischen Anamnese und einer intakten Patienten-Arzt-Beziehung sowohl für das Krankheitsverständnis des Patienten als auch für den Behandlungsvorschlag des ärztlichen Therapeuten. In diesem Zusammenhang verwies ein Teilnehmer der Veranstaltung
auf ein interessantes Experiment der Universität Witten-Herdecke, in dem verschiedenen Ärzten zunächst ein kurzes
Arzt-Patienten-Gespräch als Video vorgespielt wurde [7]. Anschließend gaben die Ärzte eine Therapieempfehlung ab. Danach sahen die Ärzten das Video einer ausführlichen Anamnese des gleichen Patienten. Mehr als 60% der Ärzte entschieden sich für eine gegenüber der ersten Therapieempfehlung abweichenden Therapie.


Weitere Ergebnisse der Fallkonferenz

Wichtiges Ergebnis dieser Fallkonferenz war, dass anhand der beiden Falldarstellungen
eine offene, ergebnisorientierte Diskussion zwischen konventionellen und komplementären Ärzten stattfinden konnte.
Chronische Erkrankungen sollten nach Meinung aller an der Veranstaltung beteiligten Experten in der Regel multimodal therapiert werden, wobei komplementärmedizinische Therapieverfahren ergänzend eingesetzt werden können. Der Patient sollte als Individuum in seiner ganzen Komplexität verstanden und begriffen werden, dem sich der Arzt – je nach Ausbildung und Erfahrung – aus verschiedenen Perspektiven nähert. Dieser Perspektivwechsel
scheint bereits in der studentischen Ausbildung sinnvoll.

Ausgehend von dem Verständnis des Patienten als vielschichtiger Persönlichkeit erscheint eine individualisierte Betrachtung und Behandlung des Patienten notwendig. Mit der Zukunft der „Individualmedizin“ befasste sich eine weitere Veranstaltung des Dialogforums am 23. und 24. Januar 2008 in Berlin [3]. Die Beiträge dieser Veranstaltung
verdeutlichen die Notwendigkeit eines therapeutischen Handelns, das auf wissenschaftlich begründetem Wissen
basiert und gleichzeitig die Individualität des Patienten berücksichtigt.

Europäischer Kongress der Integrativen Medizin
Die Methode der Fallkonferenzen wurde auf dem „1. European Congress for Integrative Medicine“ am 7. und 8. November 2008 in Berlin erstmals einem internationalem Publikum vorgestellt (http://www.ecim-congress.org). Praktisch tätige Ärzte aus den Bereichen der komplementären und konventionellen Medizin diskutierten
anhand eines Patienten mit Migräne über diagnostische bzw. therapeutische Möglichkeiten. In dieser Fallkonferenz
wurde ein Patient im Rahmen eines Anamnesegesprächs im Sinne einer „live case presentation“ vorgestellt. Auch hier zeigte sich, dass Fallbesprechungen zwischen Vertretern konventioneller und komplementärer
Medizin nicht nur möglich sondern auch sinnvoll sind und zu konkreten, klinisch verwertbaren Ergebnissen führen.
Auf diesem Kongress tagten fast 500 Wissenschaftler unterschiedlicher Fachgebiete, Ärzte, Kosten- und Leistungsträger sowie Gesundheitspolitiker aus 25 Ländern und diskutierten die Zukunft optimaler
Patientenversorgung. Durch qualitativ hochwertige Beiträge, hervorragende Referenten und fruchtbare Vernetzung zwischen Wissenschaft und Praxis bildete der Kongress einen vielversprechenden Auftakt zur Etablierung der Integrativen Medizin. Der „2. European Congress for Integrative Medicine“ ist in Planung und wird
am 20./21. 11. 2009 in Berlin stattfinden.

Klinische Konsequenzen
Was sind die klinischen Konsequenzen,die sich aus dieser Fallkonferenz ergeben? Der chronisch kranke Patient steht mit seinen Problemen oft verunsichert und überfordert auf einem pluralistischen Markt
der medizinischen Möglichkeiten. Es gibt zu wenig Absprache zwischen den Ärzten unterschiedlicher Therapierichtungen, da diese nicht kooperieren oder vielfach auch nicht voneinander wissen. Die Fallkonferenz
war von ihrer Methodik so angelegt, dass zwei Kasuistiken von besonders häufig vorkommenden und gesundheitsökonomisch relevanten Erkrankungen vorgestellt, integrative Behandlungskonzepte
entwickelt und unter konkretem Bezug auf die Praxis im klinischen Alltag diskutiert wurden. Zum Gelingen der Veranstaltung trugen vor allem der klare zeitliche Rahmen der Veranstaltung und die motivierten und für Schulmedizin und Komplementärmedizin offenen Ärzte bei. Fallkonferenzen Integrative Medizin sollten sowohl in der ambulanten als auch in der stationären Versorgung durchgeführt werden. Profitieren könnten vor allem Patienten mit chronischen und komplexen Erkrankungen, denen trotz vielfältiger therapeutischer Bemühungen nicht geholfen werden kann und für die ein multimodaler Therapieansatz sinnvoll erscheint. Wichtige Voraussetzungen für das Gelingen von solchen Fallkonferenzen Integrative Medizin ist neben der Kompetenz auf dem jeweiligen therapeutischen Gebiet ein vorurteilsfreier Umgang von Schulmedizinern mit den Komplementärmedizinern und eine Bereitschaft zum offenen Diskurs. Durch die Bündelung ärztlicher Kompetenz könnte der in den Fallkonferenzen praktizierte integrative Ansatz zur besseren medizinischen Versorgung der Patienten beitragen.

Autorenerklärung: Die Autoren erklären, dass sie keine finanziellen Verbindungen mit einer Firma haben, deren Produkt in diesem Artikel eine wichtige Rolle spielt (oder mit einer Firma, die ein Konkurrenzprodukt
betreibt).


Literatur
1 Girke M, Hoppe JD, Matthiesen P, Willich SN. Medizin und Menschenbild – Das Verständnis
des Menschen in Schul- und Komplementärmedizin. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag, 2006
2 Härtel U, Volger E. Inanspruchnahme und Akzeptanz klassischer Naturheilverfahren und alternativer
Heilmethoden in Deutschland – Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsstudie.
Forsch Komplementärmed Klass Naturheilkd 2004; 11: 327–334
3 Jütte R. Ärztliche Versorgung: Nutzen für den Patienten im Vordergrund. Dtsch Ärztebl 2008;
105: A–1065
4 Kiene H, Ollenschlager G, Willich SN. Pluralismus der Medizin – Pluralismus der Therapieevaluation?
Z Arztl Fortbild Qualitatssich 2005; 99:261–262
5 Marstedt G, Moebus S. Gesundheitsberichtserstattung des Bundes – Inanspruchnahme alternativer
Methoden in der Medizin. Berlin: Robert Koch Institut, 2002
6 Matthiesen PF. Das Phänomen Komplementärmedizin:
Verwilderung oder Bereicherung ärztlichen Handelns? Z Med Ethik 2004; 50:351–363
7 Mitzkat A, Schulz C, Kasenda B et al. „Arzt im ganzen Spektrum“ Die integrierten Curricula
der Medizinerausbildung an der Universität Witten/Herdecke – Rückblick auf sechs Jahre
Lehre im Hinblick auf Praxisorientierung und theoretische Vorgaben. GMS Z Med Ausb 2006; 23: 1–6
8 Scheffer C, Edelhäuser F, Tauschel D, Hahn EG. Symposium Fallkonferenz Integrative Medizin:
Vorbild für das Medizinstudium? GMS Z Med Ausbild 2007; 24
9 Willich SN, Girke M, Hoppe JD et al. Schulmedizin und Komplementärmedizin: Verständnis
und Zusammenarbeit müssen vertieft werden.Dtsch Ärztebl 2004; 101: A1314–A1319

Datei zur persönlichen Verwendung unter http://www.dialogforum-medizin.org. Urheberrechtlich geschützt.

Dtsch Med Wochenschr 2009; 134: 207-208: https://www.thieme-connect.de/ejournals/kooperation/81/1340350708005

Informationen zu Konzept und Organisation:

Konzept und Organisation einer „Integrativen Fallkonferenz“ 

  • Leserbriefe
    Betreff: Fallkonferenz Integrative Medizin - Modell für die Zukunft
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