Stellungnahme des Dialogforums Pluralismus in der Medizin

Qualifizierte Versorgung mit Zukunft

8 Anregungen des Dialogforums Pluralismus in der Medizin für die aktuelle Gesetzgebung im Gesundheitswesen

Nach Jahrzehnten primär ökonomisch motivierter Gesundheitsreformen, begrüßt das Dialogforum Pluralismus in der Medizin die Entscheidung der Bundesregierung, ein auf die Qualität der Versorgung gerichtetes Gesetz vorzubereiten und damit die Möglichkeit einer Trendwende zu eröffnen.

Das Dialogforum Pluralismus in der Medizin (http://www.dialogforum-pluralismusindermedizin.de/) ist eine Initiative mit dem Ziel, die Potenziale der Schulmedizin ebenso nutzbar zu machen, wie die der komplementärmedizinischen Verfahren, damit eine integrative Heilkunst möglich wird.

Eine qualifizierte Gesetzgebung im Gesundheitswesen ist aus der Sicht des Dialogforums mittelfristig dann gegeben, wenn folgende Kriterien Beachtung finden:

Im Gegensatz zur bisherigen hohen gesetzgeberischen Frequenz ist eine tragfähige Basis für eine nachhaltige Gesetzgebung zu legen, die es allen an der Versorgung Beteiligten erlaubt, ihr Handeln langfristig auszurichten.

Gesundheitspolitische Anliegen sind nicht tragfähig, wenn Bund und Länder durch disparate Vorstellungen Reformanliegen blockieren. Alle Gesetze im Gesundheitswesen  sollten grundsätzlich vom Bund und den Ländern getragen werden.

Viele bisherige Gesetze erschienen oft nur als Korrektur vorangegangener Eingriffe und basierten sehr häufig auf einer unzureichenden Lageeinschätzung des Gesundheitswesens. Eine gründliche Situationsbestimmung erscheint erforderlich und eine ausschließlich symptomorientierte Intervention unzureichend.

Ein Gesetz, das qualifizierte ärztliche Versorgung möglich machen wird, hat auf folgende Tatsachen Bezug zu nehmen:

Das Gesetz muss die Abschottungen in der Versorgung durch Änderungen der Vergütungssysteme, durch Förderung sektorübergreifender ärztlicher Organisationsformen und der Kooperation zwischen allen Gesundheitsberufen und allen sonstigen an der Versorgung beteiligten Akteuren überwinden.

Die gesundheitliche Versorgung kann nicht auf die Ressource der Eigenverantwortung der Bürger, Versicherten und Patienten verzichten. Diese sind entsprechend zu befähigen und in ihrer Verantwortung durch Anreize zu stärken.

Der Arzt ist in die Lage zu versetzen, sich  jenseits ökonomischer Interessen am individuellen Bedarf des Patienten ausrichten zu können. Die Begegnung zwischen Patient und Arzt ist durch patientenferne Verwaltungsarbeit schwer beschädigt - mit negativen Wirkungen auf die Qualität der Heilungsprozesse.

Das Gesundheitswesen ist zunehmend der Ort, in dem Fehlentwicklungen der Gesellschaft kompensiert werden. Viele Krankheiten sind sozial bedingt. Jede erfolgreiche, zukunftsfähige Gesundheitspolitik ist insofern als umfassende Gesellschaftspolitik anzulegen und mit anderen Lebensbereichen (Schule, Familie, Verkehr, Wirtschaft, Wohnen, Ernährung etc.) zu verbinden.

Ausgehend von einer realistischen Lagebeschreibung, hat sich eine nachhaltige Ausrichtung der Versorgung an folgenden Orientierungsmarken auszurichten:

1.        Begegnung zwischen Patient und Arzt im Vordergrund

Die Qualität der Versorgung wird deutlich an der Qualität der Begegnung zwischen Patient und Arzt. Je unabhängiger, evidenz- und erfahrungsgeleiteter der Arzt seine Entscheidung treffen kann, je weniger er durch Fehlanreize verführt wird, desto größer sind die positiven Wirkungen der Therapie und desto befriedigender wird die Versorgung wahrgenommen. Aus- und Weiterbildungsvoraussetzungen sind dabei ebenso zu bedenken wie Vergütungsformen zu finden, die auf das Individuum bezogenen Entscheidungen des Arztes ermöglichen.

2.        Prävention und Salutogenese

Nach mehrmaligem Scheitern des Gesetzgebers, nationale Regelungen für Prävention und Gesundheitsförderung zu schaffen, ist die Notwendigkeit einer nationalen Koordination, des nationalen Lernens, der nationalen Qualitätssicherung und der umfassenden Finanzierung und Priorisierung nicht geringer geworden. Das Potential des Patienten als „Experte“ in eigener Sache, ist als Chance zu nutzen.

3.        Bedeutung der Sozialmedizin

Das deutsche Gesundheitswesen hat seine besonderen Stärken in der Ausrichtung am einzelnen Erkrankten. Es vernachlässigt aber bevölkerungsspezifische Aspekte der Medizin (Sozialmedizin, Public Health), die gestärkt werden müssen.

4.        Regionale Orientierung

Die Patienten erfahren die Qualität der Gesundheitsversorgung lokal und regional. Die Qualität der Kooperation auf regionaler Ebene (z.B. durch regionale IV-Projekte) entscheidet ebenso wie die regionale Verteilung der Angebote über die angemessene Versorgung.

5.        Erweiterung des Heilungsbegriffes

Die universitäre, naturwissenschaftlich geprägte Medizin führt bei vielen Erkrankungen und Behinderungen allein nicht mehr zu befriedigenden Ergebnissen; neben der Förderung der Kooperation sind Formen der Begleitung, Bewältigung, Verarbeitung etc. zu fördern, da sich sonst die Hilfebedürftigen in ihrer existentiellen, sozialen und seelischen Not allein gelassen fühlen. Eine konsequente patientenorientierte Medizin bedeutet auch, dass an Kollektiven erworbenes Wissen immer vor dem Hintergrund der individuellen Situation des Patienten  zu prüfen ist.

6.        Kooperationsfördernde und sektorübergreifende Vergütung

Die für die Vergütungssystematik zuständigen Körperschaften sind anzuhalten, ärztliche Vergütungsformen zu schaffen, die sektorübergreifend gelten, Kooperation innerhalb der Ärzteschaft ebenso fördern wie mit den anderen gesundheitlichen Fachberufen und dazu beitragen, die originären ärztlichen Leistungen angemessen zu bewerten, den Patientenbezug zu belohnen und erkennbare Fehlanreize für Übernutzung abzubauen.

7.        Qualitätsorientiertes Lernen

Die bisherigen Formen der Sicherung der Qualität ärztlichen Handelns sind vom Ergebnis her enttäuschend und werden als bürokratisch erlebt. Es wird vorgeschlagen, auf regionaler Ebene sektorübergreifende Prozesse der Qualitätssicherung versorgungsnah zu etablieren und insbesondere das Potential des peer review zu nutzen (z. B. Regionale Qualitätszirkel). Die hierfür Verantwortung tragenden Körperschaften sind in die Pflicht zu nehmen.

8.        Überdenken der Ausbildung von Ärzten

Neben der Frage der Zahl der Medizinstudenten und den Selektionskriterien beim Zugang zum Studium sind die Inhalte der Ausbildung selbst von entscheidender Bedeutung. Unabdingbar ist die Vermittlung sozialer Kompetenzen (Empathie, Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit). Der gute Arzt setzt auf hohe fachliche Professionalität und hohe soziale Kompetenz gleichermaßen.

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