Der Patient als aktiver Partner (2015)

Bericht zum Symposium „Wirkt Medizin erst, wenn sie auch gewollt wird?“ am 22. Juni 2015 in Berlin

Peter F. Matthiessen

Heute sprechen alle vom kompetenten Patienten. Trotzdem werden die Wünsche und Präferenzen der Patienten (noch) längst nicht selbstverständlich berücksichtigt. Mit diesem Spannungsfeld hat sich das Symposium „Wirkt Medizin erst, wenn sie auch gewollt wird?“ am 22. Juni 2015 in Berlin auseinandergesetzt. Rund 90 Teilnehmer und Teilnehmerinnen diskutierten engagiert darüber, wie Patientenpräferenzen gemessen und in der medizinischen Versorgung besser berücksichtigt werden können. Veranstaltet wurde das Symposium vom Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD), dem Patientenverband GESUNDHEIT AKTIV und der Betriebskrankenkasse Verkehrsbau Union (BKK VBU). Als Kooperationspartner hat sich das Dialogforum Pluralismus in der Medizin beteiligt.

Dass die Präferenz von Patienten überhaupt stärker in den Fokus rückt, ist noch relativ neu und steht erst am Beginn einer differenzierten wissenschaftlichen Erforschung. Valide Ergebnisse liegen deshalb erst vereinzelt vor. Hierzu wurden beim Symposium mehrere Ansätze vorgestellt und von den teilnehmenden Wissenschaftlern und Patientenvertretern gleichberechtigt diskutiert. Dass die Patientenpräferenz in Zukunft definitiv eine größere Rolle spielen wird, wurde von allen bestätigt. „Den Patienten eine Stimme geben“, so formulierte es die Referentin Marion Danner (Universität Köln).  Es wurde auch deutlich, dass die Präferenz von Patienten viele Facetten haben kann: Auf der einen Seite den selbstbewussten und gut informierten Patienten, auf der anderen Seite Patienten, die sich eher leiten lassen und nicht aktiv selbst entscheiden wollen. Für diese Vielfalt gilt es Räume zu finden – vor allem im Dialog zwischen Patient und Arzt.

Während der Veranstaltung wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass die Patientenpräferenz nur dann in die medizinische Versorgung einfließen kann, wenn sie überhaupt gehört wird – sei es im Gespräch mit dem Arzt, sei es in präferenzbasierten Studiendesigns. „Ja, was will der Patient? Fragen Sie ihn doch einfach!“, forderte Dr. Martin Danner von der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe (BAG). Und Dr. Stefan Schmidt-Troschke, Vorstandsmitglied des Dachverbandes Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD), fügte hinzu: „Ärztinnen und Ärzte haben immer schon gewusst, was gut für ihre Patienten ist. Was die Patienten aber wirklich wollen, das – so war auf dieser Tagung zu lernen – wissen Ärzte oft nicht.“ Umso wichtiger sei es, hier neue Brücken zu schlagen: „Es war beeindruckend zu erleben, dass sich hier Patienten und Ärzte auf eine neue Weise begegnet sind: Im gegenseitigen Verständnis für die Kompetenzen der Anderen“, so Schmidt-Troschke.

Peter Matthiessen, Vorsitzender des Sprecherkreises des Dialogforum Pluralismus in der Medizin wies in seinem Vortrag darauf hin, dass es sich bei der Patient-Arzt-Beziehung um ein gesundheitsbezogenes Arbeitsbündnis von zwei Experten handelt, aber in ganz unterschiedlichen Bereichen. „Der Patient ist Experte auf dem Feld des Befindens, der Arzt auf demjenigen des Befundes. Befund und Befinden erweisen sich oft als zwei Seiten einer Münze, als unterschiedliche Perspektiven, die sich wechselseitig ergänzen. Das bedeutet zugleich, dass die Patient-Arzt-Beziehung als eine Arbeitsgemeinschaft unabdingbar auf einen wechselseitigen Perspektivenaustausch angewiesen ist. Befinden, Wohlbefinden und Missbefinden, er-lebtes und ge-lebtes Krank-sein als die Perspektive, für die der Kranke der Experte ist, und Krankheit sowie Diagnose und Prognose als Perspektiven, deren Expertise auf Seiten des Arztes verortet ist, müssen in einem steten Dialog zueinander in Beziehung gesetzt werden, wenn sie eine Erkenntnis- und Handlungsgemeinschaft zwischen Arzt und Patient ermöglichen sollen.“ Matthiesen führte zudem aus, dass das gestörte Befinden beim Bürger einen Arztbesuch veranlasse, der Arzt anhand der patientenseitigen Schilderungen des Missbefindens eine Diagnose sowie seine differentialdiagnostischen Erwägungen erstelle, das gestörte Befinden beim Patienten zum Beweggrund für Lebensstilveränderungen werden könne und die Besserung des Befindens das Ziel der Therapie sei, genug Aspekte, um das Befinden in all seinen Spielarten als patientenseitige Expertise ernst zu nehmen und gleichrangig zu gewichten. Unter Berücksichtigung der Erkenntnis, dass auf Seiten der Patienten spezifische Befindungsstörungen auftreten können, ohne dass ärztlicherseits (schon) ein dazugehöriger Befund erhoben werden kann und sich bestimmte Befindensstörungen als Frühzeichen von im Entstehen begriffener – und sich erst später in einem pathogenem Befund dokumentierender – Krankheiten erweisen, rief Matthiessen den anwesenden Ärzten und Therapeuten zu: „Nehmen Sie die Befindensschilderungen ihrer Patienten immer ernst!“ Im Zusammenhang mit den Phänomenen Gesunderhaltung, Gesundwerden, Salutogenese, Resilienz sprach Matthiessen davon, dass es sich hier um aktive und eigengesetzliche Leistungen des Menschen handele. Als die beiden eigentlichen Leistungsträger nannte er auf der einen Seite den gesunden Bürger, der sich trotz ubiquitär vorhandener potentiell krankmachender Ereignisse gesund erhält und zudem den Kranken, der unter ärztlicher Hilfe, bei ärztlicher Hilfe und trotz ärztlicher Hilfe (!) gesund wird sowie andererseits den guten Arzt. Ein Ziel der Medizin bzw. des Gesundheitswesens sollte es sein, den Bürger zu befähigen „soweit als möglich sein eigener Arzt zu sein“.

Das Symposium zeigte auch, dass das Thema dringend auf die gesundheitspolitische Agenda gehört – gerade in Bezug auf die gegenwärtige Diskussion um gültige Qualitätskriterien in der medizinischen Versorgung. Dazu machte Gisela Fischer, em. Direktorin des Lehrstuhls und der Abeilung für Allgemeinmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover, ehemaliges Mitglied des Sachverständigenrats im Gesundheitswesen und Mitglied des Sprecherrates des Dialogforum Pluralismus in der Medizin auf dem Podium den konkreten Vorschlag, Qualitätskriterien auch daran zu knüpfen, wie viel Zeit für das Gespräch zwischen Arzt und Patient bleibt und wie intensiv sich die beteiligten Ärzte untereinander austauschen – die Voraussetzung dafür, dass die Präferenz des Patienten überhaupt wahrgenommen werden kann. „Wir tun gut daran, hier die Patientenpräferenz wirklich ernst zu nehmen. Dann entwickelt sich bei den Patienten auch eine größere Compliance, die wir für den Therapieerfolg unbedingt brauchen. Im Übrigen geben wir jedes Jahr Millionen für Arzneimittel aus, die dann doch nicht genommen werden, weil die Patienten sie nicht wollen. Dieses Geld könnten wir an anderer Stelle sinnvoll einsetzen“, ergänzte Andrea Galle, Vorständin der BKK VBU, auf dem Podium.

Über die Veranstalter

BKK·VBU

Die BKK·VBU gehört mit über 410.000 Versicherten und rund 72.000 Firmenkunden zu den zehntgrößten Betriebskrankenkassen in Deutschland: www.meine-krankenkasse.de

Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD)

Der DAMiD repräsentiert die Anthroposophische Medizin in allen gesellschaftlichen Bereichen des deutschen Gesundheitswesens. Als Dachorganisation vertritt der Verband die übergeordneten Belange und Interessen seiner 16 Mitglieder: www.damid.de

GESUNDHEIT AKTIV

Der Bürger- und Patientenverband GESUNDHEIT AKTIV – Anthroposophische Heilkunst e. V. vertritt als unabhängiger, gemeinnütziger Verein die Interessen von BürgerInnen und PatientInnen in Gesundheitsfragen: www.gesundheit-aktiv.de

Über den Kooperationspartner

Dialogforum Pluralismus in der Medizin

Das Dialogforum Pluralismus in der Medizin setzt sich seit seiner Gründung im Jahr 2000 dafür ein, den zwar kritischen, aber unvoreingenomenen Dialog zwischen den Vertreter unterschiedlicher Denk- und Praxisansätzen verstetigt zu führen, konstruktiven Diskurs zwischen den Vertretern der konventionellen und der komplementären Therapierichtungen zu fördern sowie durch die Erarbeitung einer Integrativen Medizin eine vollorchestrierte Gesundheitsversorgung sowie die ärztliche Therapiefreiheit und Individualität in der Patientenbehandlung zu sichern: www.dialogforum-pluralismusindermedizin.de

Kontakt

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Arbeitsbereich Methodenpluralität in der Medizin

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