Eine persönliche Antwort

Helmut Kiene

Institut für angewandte Erkenntnistheorie und medizinische Methodologie, Freiburg i. Brsg.

Marienhagen, J.: Rezension (zu: Jütte R [Hrsg.] Die Zukunft der IndividualMedizin. Autonomie des Arztes und Methodenpluralismus. Deutscher Ärzte-Verlag. Köln 2009)
GMS Z Med Ausbild 2010;27(3):Doc38.

Jörg Marienhagen rezensiert den Tagungsband „Die Zukunft der IndividualMedizin. Autonomie des Arztes und Methodenpluralismus“ auf eine persönliche und, wohl mit Absicht, nicht gerade freundliche Art und Weise. Ich möchte deshalb in meiner Antwort ebenfalls sehr persönlich sein; auch deshalb, weil ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass beim Rezensenten eine untergründige Bemühung um ein tatsächliches Verständnis der Zusammenhänge zuletzt vielleicht durchaus vorliegen möchte, dass sie aber ausgetrocknet ist durch Kenntnismangel und fehlende Information und verschüttet durch primär veranlagte Missverständnisse.

Deshalb jetzt der Wechsel auf die persönliche Ebene:

Sehr geehrter Herr Kollege Marienhagen. – Als Mitglied der Initiativgruppe des Dialogforum Pluralismus in der Medizin, also des Veranstalters der IndividualMedizin-Tagung, wie auch als Leiter des von Ihnen missliebig aufgespießten Instituts für angewandte Erkenntnistheorie und medizinische Methodologie stehe ich doppelt im Zentrum Ihrer Kritik. Sie ordnen dem Institut einen Arbeitsschwerpunkt zur anthroposophisch orientierten Medizin zu, und hier liegt auch schon der eigentliche Stein Ihres Anstoßes: die anthroposophische Medizin. Dem Herausgeber des Tagungsbandes, Robert Jütte, erteilen Sie genau deshalb eine Rüge: Er habe, als Historiker, versäumt, eine Klarstellung vorzunehmen „über den mystisch-esoterischen oder, wie manche Kritiker sogar meinen, okkultistischen Hintergrund der in Wissenschaftskreisen bekanntlich umstrittenen anthroposophischen Medizin.“ – Im selben Satz allerdings, unmittelbar vorher, schreiben Sie, dass Sie selbst mit dieser Therapierichtung nicht vertraut seien. Da wundert mich, warum Sie dann so vehement deren Aburteilung fordern.

Zur Sache: Sie hätten gern von der aus unserem Institut stammenden Referentin (G.S. Kienle) erfahren, wie sie sich eine Überprüfung der betreffenden Therapiemethoden vorstellen würde. Das war nicht Tagungsthema. Sie hätten jedoch auf der von Ihnen scharf kritisierten Homepage unseres Instituts die betreffende Information unschwer entgegennehmen können. Auch hätte ein Telefonanruf genügt; wir wären gern bereit gewesen zur Auskunft. Nun aber; ich schlage vor zur Erstinformation: Kienle G, Kiene H: Anthroposophische Medizin in der klinischen Forschung. Wirksamkeit, Nutzen, Wirtschaftlichkeit, Sicherheit. Schattauer Verlag. Stuttgart 2006. 351 Seiten. Es ist ein für das Schweizer Bundesamt für Gesundheit verfasster Health-Technology-Bericht, in dem Ihre Frage, jedenfalls im ersten Ansatz, inhaltlich und methodologisch beantwortet ist. – Bei anhaltendem Interesse kann ich weitere Literatur empfehlen.

In Bezug auf die anthroposophische Medizin hätten Sie außerdem gern gehört, inwieweit die von Rudolf Steiner beschriebenen Methoden zur persönlichen Erkenntniserweiterung auch heute noch gültig seien und sich mit den Ansprüchen moderner wissenschaftlicher Medizin vertragen würden. Auch das war nicht Tagungsthema. Wieder aber hätten Sie sich an den Informationen unserer Homepage bedienen können. Es ist dort das umfangreiche wissenschaftliche Standardwerk zur Misteltherapie der Krebserkrankung genannt: Kienle G, Kiene H: Die Mistel in der Onkologie. Fakten und konzeptionelle Grundlagen. Schattauer Verlag. Stuttgart 2003, 749 Seiten. Die Misteltherapie der Krebserkrankung geht zurück auf Steiner und Wegman. Es sind in diesem Buch die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Gesichtspunkte zur Misteltherapie eingehend besprochen, mit 3261 wissenschaftlichen Literaturreferenzen. Gerade der von Ihnen gesuchte Bezug auf die Ansprüche moderner wissenschaftlicher Medizin kommt in dem Buch nachdrücklich zur Sprache. Besonders empfehle ich die Seiten 333-432 („Beyond Reductionism – zur Notwendigkeit komplexer, organismischer Ansätze in der Tumorimmunologie und Onkologie“), weil hier paradigmatisch ausgeführt ist, wie ein und dieselbe Krankheit einerseits partikularistisch und zum anderen anthroposophisch-ganzheitlich verstanden werden kann, und wie und warum die letztere Sichtweise in diesem Falle die überlegene ist und zudem zu anderen therapeutischen Konzeptionen führt. Natürlich muss man ein gewisses Basisinteresse mitbringen, um bereit zu sein, sich auf die umfangreiche Materie einzulassen.

Für einen weiteren Einblick in den Bezug zwischen Anthroposophie und Wissenschaft empfehle ich die 27 Bände des Jahrbuchs für Goetheanimus 1984 bis 2010 (Tycho Brahe-Verlag Niefern-Öschelbronn).

Sie empören sich, dass die Homepage unseres Instituts den Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner (wie Sie schreiben: „eine schillernde Gestalt der Esoterikszene des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts“) in eine Reihe stellt mit Plato, Aristoteles, Galilei und Kant. Hier der harmlose Originalwortlaut unserer Homepage: „Die Arbeit des Instituts gründet nachdrücklich auf dem Gedankengut abendländischer Philosophen, Wissenschaftler und Ärzte; zu nennen sind insbesondere Platon, Aristoteles, Galilei, Descartes, Newton, Goethe, Kant, Fichte, Hegel, Steiner, Wegman, Wittgenstein, Fleck, Weiss, Bertalanffy, Duncker, Martini, Feinstein, Goodwin.“ – Diese Ausrichtung des Instituts ist ein Faktum; ich kann nichts Verwerfliches darin sehen. Offenkundig ist Ihnen nicht bekannt, dass Steiner eine Reihe äußerst interessanter erkenntnistheoretischer Werke verfasst hat: Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung (1886), Wahrheit und Wissenschaft (1891), Philosophie der Freiheit (1894). Hinzu kommen philosophiegeschichtliche Werke sowie Herausgeberschaften: Die Rätsel der Philosophie, 2 Bände (1899), Goethes Weltanschauung (1897), Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit (1895); Herausgabe der Werke Schopenhauers (1895) und der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes (1883-1897).

Wie aus Ihrer Rezension hervorgeht, vermuten Sie hinter der anthroposophischen Medizin einen dunkel-okkultistischen Hintergrund. Diese Vermutung deckt sich nicht im Geringsten mit meiner eigenen Kenntnis und Erfahrung. Sollten tatsächlich, wie Sie schreiben, „renommierte Fachleute zur Anthroposophie“ so etwas publizieren, würde sich mir die Frage nach deren sachorientierter Kompetenz stellen. Sie verweisen, um Ihre Vermutung weiter zu untermauern, auf die Webseite der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP). Im Gegenzug möchte ich Ihnen raten, zur Kenntnis zu nehmen, was Edgar Wunder, Mitbegründer der GWUP und jahrelanger Redaktionsleiter der GWUP-Zeitschrift Die Skeptiker, zur Charakterisierung und Arbeitsweise der GWUP zu berichten hatte. (E. Wunder (2000): Die 'Skeptiker'-Bewegung in der kritischen Diskussion)

Noch ein Wort zu Ihrer Abschlussbemerkung, es sei der IndividualMedizin-Tagungsband doch immerhin ein Beispiel für gelungene Lobbyarbeit. – Lobbyarbeit etwa für anthroposophische Medizin? – Da täuschen Sie sich; der Zusammenhang ist genau umgekehrt. Eine zentrale Leitidee der anthroposophischen Medizin ist der „ethische Individualismus“ (Steiner: Philosophie der Freiheit, 1894), und dieser explizierte Leitgedanke macht hellhörig für gesellschaftliche Bewegungen in denen andersgerichtete Tendenzen wirksam sind; er macht außerdem offen und bereit für die Förderung von Aspekten der Medizin und des Gesundheitssystems, die nachdrücklich auf das Individuum fokussieren. Eine öffentliche Befassung mit dieser Thematik ist nicht eine Lobbyarbeit für anthroposophische Medizin; sondern umgekehrt: Eine Befassung mit den ideellen Grundlagen der anthroposophischen Medizin stärkt die Bereitschaft zum Engagement in Arbeitszusammenhängen, in denen das Thema der Individualmedizin die Chance einer besonderen Berücksichtigung erfährt.

In dieser Hinsicht möchte ich noch auf Ihre Bemerkung über angeblich längst bekannte Platitüden zum Thema der randomisierten Studie eingehen. Ich will nur ein einziges Beispiel nennen. Es ist doch beachtenswert, dass das positive Ergebnis einer konfirmativen randomisierten Studie nicht reproduziert werden kann. Das Reproduzieren einer RCT verbietet sich durch die Prinzipien von Helsinki: Denn wie sollte man den Patienten darüber aufklären, dass ihm per Randomisation eine Behandlung vorenthalten wird, die sich bereits in einer vorangegangenen konfirmativen Studie als überlegen erwiesen hat? Ausgerechnet das Kernprinzip empirischer Wissenschaftlichkeit, das Reproduzieren, ist im Kontext von randomisierten Studien nicht realisierbar. – Platitüden? Längst bekannt und allgemein diskutiert? – Nehmen Sie es als ein persönliches Bekenntnis: Vor dem Hintergrund auch der vielen noch weiteren Schwachpunkte im System der RCTs erscheint es den Mitarbeitern unseres Instituts als mehr als nur legitim, ein Interesse an der Herausbildung auch anderer, insbesondere individual-methodologischer Perspektiven zu entwickeln, und zwar für die Medizin in ihrer Gesamtheit.

Zum Abschluss möchte ich nicht versäumen, dafür zu danken, dass Ihre Rezension, auch wenn sie nicht schmeichelhaft war und wohl auch nicht sein sollte, so doch eine Gelegenheit im Sinne des Dialogforum Pluralismus in der Medizin bot: nämlich weiter einzutreten in einen Dialog über Medizinpluralismus und IndividualMedizin. Diesen Dialog voranzutreiben, ist unsere Intention.

Mit kollegialem Gruß,

Helmut Kiene

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